eine genderfrage

Ort: Berlin, Wohnung meiner Schwester
Die nächste Person in meiner Nähe: niemand
Stimmung:
Musik: Clogs – Canon
Bauchgefühl:

“du wirst niemals eine von uns sein”. an diesen satz erinnere ich mich noch ziemlich lebhaft beim artrock festival in würzburg, ich denke 2008 war es; charlie heidenreich war wie immer der entertainer mit charme und obelixartiger hochwasserhose. und dann die paar einsamen herzen, die sich im konvulsivischen polyrhythmus der musik verkriechen konnten. aber zählte man einmal nicht die weibliche kellnerschaft und den weiblichen anhang von ein paar besuchern dazu, war ich fast die einzige jüngere frau, die lediglich mit einem guten freund zum gucken gekommen war. und die wirklich etwas für die musik übrig hatte.


“Well, we’re not uh actually a cover band” … Yugen playing Henry Cow.

Charlie Heidenreichs jährliches Musikspektakel

laut einer statistik einer abschlussarbeit, die ich leider irgendwo in einem karton vergraben habe, beträgt der anteil von weiblichen progrock-fans im dt. raum 12 prozent. 88 prozent also sind männlich oder geben sich zumindest als solches aus; und sind zum großen teil angehörige des literarischen oder mathematischen dunstkreises. wieso ist das so? der verfasser der abschlussarbeit erklärt sich das mit der komplexität und technikversessenheit dieser subkultur. emotionalität wird in dem genre unähnlich der romantischen klassik klein geschrieben, spielt eigentlich eine sehr untergeordnete rolle. die akademische leistung am instrument stimuliert allenfalls den intellektuellen sektor im gehirn. diese musik ist also nichts fürs herz, weswegen nur wenige weibliche zeitgenossen gefallen an dieser kopflastigen musikart finden. zudem fokussiert sich der fankult nicht auf einen einzelnen musikurheber, wie es in der populären musik für gewöhnlich der fall ist. es gibt keine groupies, keine schwach werdenden ersten fanreihen im konzert oder banner mit herzchen und liebeserklärungen. geehrt wird, wer sein instrument beherrscht oder einfach ein neues erfindet, und selbst dann ist die verehrung eine akademische. so bisher der autor (ob er recht hat, bleibt dahingestellt).


Spirit is a bone. Bone is a shape. Shape is a thing. Thing is awake.

ich habe schon oft genug beobachtet, dass progfans sich kein autogramm von ihrem großen star holen, sondern das gespräch mit diesem suchen: dies oder jenes stück sei in einer ungewöhnlichen tonart, warum mache xyz denn im soundsovielten takt einen oktavensprung und wie sei man auf die zusammenarbeit mit gerade diesem oder jenem jazzer gekommen, das stehe doch im widerspruch zum rest des konzeptalbums? ein faszinosum, diese fangemeinschaft. und ein sehr verschlossenes dazu.

Prog: Schwere Kost.

daher müsste es mich eigentlich ärgern, dass ein kleiner dicker trauerbrocken in schwarz mir in der spielpause von – wer hatte noch mal gespielt?? – panzerballett oder so sagt: ich würde niemals einer von ihnen sein. ich erinnere mich allerdings nur, dass ich nach kurzer irritation mitleidig gelacht habe. bürschchen, deinem verein der ewigen informatikerjungfern muss ich nicht beitreten.

eigentlich brüskiert es mich viel mehr, dass der frauenanteil in progressive rock so klein ist. 12%! oi va voi. sind wir alle zu dumm für 7/4-takte im sekundenintervall und ein bisschen querflötenatonalität? stehen frauen deshalb nicht auf tolkien und zeuhl, weil das desinteresse für fiktive sprachen auf einen mangel an semiotischer vorstellungskraft fußt? braucht das typische frauenvolk einfach ein identifikationsbild bzw. vaterersatz, die es beides im künstler findet? oder gilt das auch wieder nur für die masse,  zu der sich schließlich auch der großteil der statussymbol nachjagenden männerwelt gesellt? haben männer die bessere bildung und wissenschaftlichere erziehung (na komm, timmy, lass uns jetzt noch schnell ein vogelhaus bauen, darüber freut sich mutti. und vergiss den zollstock nicht.)?

trotz der heiklen gleichberechtigungsfrage fällt es mir schwer, partei für meine geschlechtsgenossinnen zu ergreifen.

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4 thoughts on “eine genderfrage

  1. Julian says:

    Hi, äh, “Wovenhorse”! 🙂

    Spät, aber endlich ein anerkennendes Nicken zu Deinen Beobachtungen in diesem Beitrag. Die Geschlechterverteilung ist ohne Zweifel eklatant, über die Gründe habe ich mir auch schon oft den Kopf zerbrochen, allerdings ohne echtes Ergebnis. Inspiriert zu diesen Überlegungen hat mich die Tatsache, daß ich mich glücklich schätzen kann, geistreiche wie auch über einen hohen Emotionsquotienten verfügende Frauen zu meinem allerengsten Freundeskreis zählen zu dürfen – aber sobald ich mit ‘meiner’ Musik ankomm ist Schicht im Schacht. Was mich immer wieder erstaunt, denn: leben nicht in dieser vermeintlichen Verrenkmusik mit die schönsten Emotionen in der Musik? Vielleicht gerade dadurch, daß sie nicht permanent und offensichtlich auf den Hörer losgelassen werden, sondern anderen (Stil-, Melodie-)Elementen etc. ausgesetzt sehen und gerade dadurch immens an Wert gewinnen? Das mag vielleicht eine subjektive Einschätzung sein, für mich macht sie einen nicht unerhbelichen Teil des Reizes jener Musik, wie Du sie in Deinem Beitrag anhand der Oktavsprungfrage umschrieben hast aus – allerdings eben von der emotionalen und weniger von der kopflastigen Seite.

    Den ‘Proggy als solchen’ allerdings zu pauschalisieren, möchte ich grad so wenig wie Du und drum sei noch die erleichterte Beobachtung angemerkt, daß v.a. jene Proghörer, deren Musikleben jenseits des Mainstream nicht gleich mit polyphonen Polyrhythmiken begonnen hat, sondern mit den eher melodieorientierten Seiten, dazu tendieren, den emotionalen Gehalt anspruchsvoller Rockmusik zu suchen.

    Solltest Du Interesse an dieser beschriebenen Seminararbeit haben, kann ich sie Dir gern zuschicken (ich denke, ich weiß, welche Du meinst).

    Und ganz abschließend noch der Hinweis: Charly hat nun sein diesjähriges Festival-Line Up unter Dach und Fach und läßt die Sause am 27./28.9. steigen. Infos findest Du auf der Freakshow-Homepage.

    • belcredi says:

      Hallo Julian,

      du hast die Arbeit? Ist ja klasse, wobei ich das kommende Jahr nichts davon haette – ich lebe im proglosen Ausland (Afrika). Tatsaechlich kenne ich in persona (im Netz sieht das wieder anders aus) keine einzige Frau, die vertieft Progressive Rock hoert.

      Ach ja, bitte sieh es mir nach, dass auch ich in meinen Beitraegen zu Pauschalisierungen neige. Vermutlich haette ich sonst auch nicht deinen gleichfalls interessanten Kommentar erhalten. 😉

      • Julian says:

        Naja, Afrika ist immerhin die Wiege des Menschen – und damit auch irgendwie die des Prog… 😉

        Frauen liefen am vergangenen Samstag bei der Night of the Prog in ziemlichen (für Prog-Verhältnisse) Massen rum. Allerdings trifft man auch in Würzburg durchaus Damen, die den anspruchsvolleren Seiten jener Musik zugewandt sind (z.B. ist Monika von http://www.artrockpics.com regelmäßig dort), zugegeben aber eher selten bzw. wenige. Klasse statt Masse eben. 🙂

        Echt? Du pauschalisierst? 🙂 Hm, wenn, dann sehr dezent…

        Der Titel der Arbeit müßte lauten:
        “Caught in a Web.” Progressive Rock – Musik, Geschichte und die deutsche Szene.
        Es handelt sich um eine Seminararbeit von Markus Wierschem von 2006.

      • belcredi says:

        Ich glaube, die Dame ist mir sogar bekannt. Tja, nun misse ich die guten Konzerte und die erschöpfenden Gespräche über die tatsächliche Großartigkeit von Porcupine Tree, die heutige Bedeutung von E/U-Musik usw usw usw…. Aber hier gibt es andere schöne Sachen, zum Beispiel Elefanten und dynamische Verkehrsregeln, sowie Menschen mit Zeit und Sonne den ganzen Tag. La vie en rose.

        Korrekt, das war der Titel der Arbeit. Eine neue Studie zum Thema Geschlechteraufteilung im dt.-sprachigen Raum wäre allerdings wünschenswert.

        Cheers

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